Geschichten


Geschichten07 Aug 2008 01:17 pm

 Melanie Jäger ließ das Wasser in die Wanne laufen, noch drei Stunden und sie würde ihn wieder sehen, als plötzlich ein Anruf kam.

„Frau Hauptkommissarin, Richter hier“, seine näselnde Stimme verlieh allem einen ironischen Unterton. „Ich hoffe ich störe nicht, aber wir müssen uns um eine Leiche am Geesteufer kümmern, gleich hinter der Müllverbrennungs-anlage. Es ist ein Jogger! Sie sollten es sich ansehen, er ist am ganzen Körper mit einem Ausschlag und Quaddeln übersät, aber weit und breit sind keine Sträucher zu entdecken, die so etwas hervor rufen könnten.“

„Ich komme“, knurrte sie in den Hörer und legte auf. 

 „Da sind sie ja endlich“, wurde Melanie gleich von Richter begrüßt, „die Leiche liegt dort hinten. Wir haben auch einen Zeugen, seinen Kumpel Claus Otto.“ „Alles der Reihe nach, erstmal will ich mir die Leiche und die Umgebung ansehen“, ließ sie Richter stehen und ging zum Fundort der Leiche. Auf dem Weg dahin schaute sie achtsam in die Gegend. Tatsächlich, keine Sträucher, noch nicht mal Brennnesseln waren zu entdecken. Mit Wucht riss sie die Decke vom leblosen Körper und taumelte gleich ein paar Schritte nach hinten. Das war doch Robert! Robert Niemeyer! Was war passiert?

„Richter! Wo ist der Zeuge?“ versuchte sie ruhig zu fragen.

„In meinem Auto.“ Viel war aus ihm nicht raus zu bekommen, außer dass sein Kumpel plötzlich Sprachstörungen und völlig orientierungslos war, und diesen entsetzlichen Hautausschlag mit Quaddeln bekam. Er nahm noch einen letzten Schluck aus seiner Trinkflasche, kippte um und war tot.

“Veranlassen sie bitte, dass der Tote in die Gerichtsmedizingebracht wird. Und lassen sie den Inhalt der Trinkflasche untersuchen, ich möchte Ergebnisse haben, denn hier stimmt was nicht. Ich fahre zu seiner Witwe“, murmelte sie in die Richtung von Richter und fuhr los. Nach dem Gespräch mit Elli Niemeyer fuhr Melanie sofort ins Kommissariat, um Ergebnisse zu erfahren. Ihr Gefühl sagte ihr, dass Elli etwas zu verbergen hatte. Ihre Reaktion war zu kalt, ohne Trauer. „Richter sind die Ergebnisse von dem Gerichtsmediziner schon da?“ fragte sie gleich beim Betreten des Büros.

„Ja, im Saft wurden Spuren von Glibenclamid, einem blutzuckersenkenden Medikament, und Bisoprolol, einem Beta Blocker, gefunden. Die beiden Medikamente in Kombination können …… Kurz und knapp, der Blutzucker von dem armen Kerl war total im Keller und seine Pumpe spielte zu dem dann noch ziemlich verrückt“, erwiderte er mit seiner näselnden Stimme, die Melanie so hasste.

„Dann werde ich mir die Witwe nochmals vornehmen und versuchen etwas mehr in Erfahrung zu bringen. Sie hat etwas zu verbergen, und ich werde rausbekommen was!“

Sie war schon fast aus dem Büro, als Richter hinter ihr herrief: “Ach Chefin, der Zeuge hatte sich nochmal gemeldet. Kurz bevor die Beiden mit dem Joggen anfingen, trafen sie noch die Exfrau des Verstorbenen.“

„Und?“

 Nun ja, er könnte schwören, dass sie die Trinkflasche in der Hand hatte, bevor sie mit dem Laufen anfingen. Hier ist ihre Adresse.“

„Dann werde ich mir die Dame auch mal vornehmen müssen, aber erstmal ist die Witwe nochmal dran.“  Diesmal machte die zwölfjährige Tochter der Witwe die Tür auf, und führte sie in die Küche zu ihrer Mutter. Elli war gerade dabei etwas auf dem Küchenschrank schnell mit einem Tuch zu zudecken, etwas zu schnell für Melanies Empfinden. Ihr kam es so vor, als wären es Tablettenschachteln gewesen.„War ihr Mann Diabetiker und Herzkrank, oder wüssten sie, wer ihm den Tot wünschen könnte?“, kam sie ohne Umschweife zum Thema, und ließ ihren Blick Richtung Küchenschrank schweifen.

„Nein, er war nicht krank. Aber seiner Ex Margrit, der würde ich es zutrauen, ihn um zubringen. Sie ist Krankenschwester und kommt an Medikamente ran“, kam ohne langes Zögern von ihr. „Ich fand schon häufiger in seinem Notizbuch einen Eintrag mit dem Vermerk: Treffen mit M.Vielleicht wollte sie wieder etwas von Robert, er aber nicht von ihr. Ich traue es ihr zu Robert umzubringen, weil er nichts wieder mit ihr anfangen wollte“, plauderte sie darauf los. „Ich würde es tun!“

Medikamente? Davon hatte ich doch noch gar nichts gesagt. Umbringen würde sie ihn, schoss es Melanie in den Kopf. Hier stimmt etwas nicht. Wollte Elli als sie kam gerade die Tabletten verschwinden lassen? Melanie musste unter das Tuch schauen können, und deshalb bat sie sie das Notizbuch zuholen.

„Sie war von Anfang an eifersüchtig auf mich“, warf Elli erklärend in den Raum und verließ die Küche.Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, schaute Melanie eilig unter das Tuch und traute ihren Augen nicht. Dort lagen sie, die Medikamente.  

Melanie hatte die Tabletten offen auf den Küchentisch gelegt als Elli wieder in die Küche kam, um das Notizbuch zuzeigen. Beim Anblick der Beweise zögerte sie kurz, verzog dabei aber keine Miene.

„Das war die Idee von Claus. Claus meinte, bevor Robert wieder mit Margrit anbändelt, sollte er sterben und wir könnten seine Lebensversicherung kassieren. Es war abgemacht, dass er mit Robert zusammen joggt, und darauf achtet, dass er die Flasche auch wirklich leertrinkt.“

„Die Flasche mit dem Tablettengebräu, den sie angerührt hatten“, unterbrach Melanie Elli barsch.„Und dafür war das Joggen natürlich gut geeignet, oder? Einige viele Tabletten in das Getränk, und schon ist es passiert. Und zum Schluss uns auf die Fährte von seiner Ex schicken?“

„Wem gehörten die Tabletten?“ die Schärfe in Melanies Stimme war nicht zu überhören.

„Meiner Mutter. Claus ist Krankenpfleger, er wusste wie das Zeug wirkt.“ In ihrer Stimme war keine Reue zu hören, eher Zynismus.

„Frau Niemeyer, sie sind verhaftete, ich muss sie mit auf das Kommissariat nehmen.“ „Ach, und bevor ich es vergesse, der Eintrag M sollte nicht Margrit, sondern Melanie heißen. Ich war die Person, mit der sich ihr Mann treffen wollte.“ Sie sagte es ohne Ironie, eher mit Trauer in der Stimme.

Geschichten07 Aug 2008 01:11 pm

„17:30 Uhr, pünktlich wie immer, Herr Feddersen“, sagte der Pförtner in der Eingangshalle.

„Stimmt genau“, antwortete Feddersen und verließ mit einem freundlichen „Auf Wiedersehen“ die Halle, um an der Bushaltestelle auf seinen Bus zu warten.  Heiner Feddersen liebte sein Leben als Buchhalter, geordnet und streng eingeteilt. Jeden Morgen stand er pünktlich um 6:00 Uhr auf, verließ um 7:00 Uhr das Haus, um Punkt 8:00 Uhr mit der Arbeit zu beginnen. Pünktlich um 12:00 Uhr machte er für 30 Minuten Mittag, keine Minute länger, um dann bis 17:30 Uhr sauber und akkurat seine Akten weiter zu bearbeiten. Auch heute hatte sich nichts daran geändert, und es gab keine Anzeichen, dass sich etwas ändern würde.Er würde die üblichen drei Minuten auf seinen Bus warten und auf den gleichen Platz wie jeden Abend sitzen, seine Zeitung lesen, bis seine Haltestelle kommt, wo er aussteigen musste, um den gewohnten Weg bis zu seinem Haus, in der Lindenstraße 22, zu gehen. Alles würde so ablaufen wie jeden anderen Tag auch. Exakt drei Minuten später kam auch schon der Bus der Linie 60, und Feddersen stieg gut gelaunt, mit der Zeitung unter dem Arm, ein.

„Schöner Abend heute“, sagte er beim Einsteigen zu Herrn Otremba, dem Busfahrer. Sie kannten sich schon lange und wechselten immer ein paar belanglose Worte, bevor Feddersen sich links im Bus auf den ersten Platz in der zweiten Reihe setzte.

„Soll heute aber noch regnen“, gab Otremba zurück.

„Wir hatten in der letzten Zeit genug Regen, und wenn, dann bitte erst, wenn ich zuhause angekommen bin“, erwiderte Feddersen freundlich nickend, und steuerte die Richtung zu seinem gewohnten Platz an.

„Da haben Sie Recht“, kam noch von Herrn Otremba, aber Feddersen nahm es nicht mehr wahr, denn er blieb wie angewurzelt mitten im Gang stehen.Verdutzt schaute er sich um.Das war doch der erste Platz in der zweiten Reihe auf der linken Seite des Busses. Immer war der Platz frei, aber diesmal saß dort jemand.Wo sollte er sich jetzt hinsetzen? Er konnte sich nicht woanders hinsetzen, hier saß er doch jeden Abend. Das ist mein Platz, diese Person muss sich woanders hinsetzen, dachte er voller Panik.Mutig tippte er ihr auf die Schulter.

„Entschuldigen Sie bitte, hier sitze ich immer und lese nach Feierabend meine Zeitung. Würden sie bitte rutschen und sich auf den anderen Platz setzen?“ bat er höflich.

„Wie komme ich denn dazu“, giftete ihm eine dicke und nach Schweiß riechende Frau entgegen. „Sie können ja durchrutschen, ich werde es nicht tun und hier sitzen bleiben.“

„Ich bitte Sie höflichst einen Sitz weiterzurücken“, erwiderte Feddersen mit einer für ihn ungewohnten Schärfe in seiner Stimme. „Sonst bleibe ich hier stehen!“

„Tun Sie, was sie nicht lassen können, aber im Stehen lässt sich die Zeitung schlecht lesen“, konterte die Frau schnippisch und beachtete ihn nicht weiter.  Feddersen wusste im ersten Augenblick nicht was er machen sollte. Die Strecke bis zu seiner Haltestelle, wo er aussteigen musste, wurde immer kürzer. Zuhause hatte er keine Zeit seine Zeitung zu lesen, da musste er sich sein Abendbrot machen, den Abwasch erledigen, aufräumen und wie jeden Abend fernsehen, um dann pünktlich um 23:00 Uhr ins Bett zu gehen.

„Würden sie mich dann bitte durchlassen?“ bat er höflich mit zittriger Stimme.

„Ist ja schon gut, ich rutsche durch.“

Erleichtert setzte sich Feddersen hin. „Jetzt hat alles wieder seinen gewohnten Gang“, murmelte er leise vor sich hin und vertiefte sich ins Lesen. Plötzlich bekam er mit, dass der Bus an seiner Haltestelle vorbeifuhr. Entsetzt rief er: “Stop!“  Mit quietschenden Reifen hielt Otrembra den Bus an und Feddersen rannte verzweifelt und voller Hektik aus dem Bus, denn zum ersten Mal seit 15 Jahren war ihm so etwas wie heute passiert. 

Geschichten12 Okt 2007 06:12 pm

Ungeduldig schaute ich auf die Bahnhofsuhr, der Regen prasselte auf das Dach, und ein eisiger Wind pfiff mir ins Gesicht. Schon 8:30 Uhr, seit einer Stunde warte ich jetzt hier, dass der Regionalzug Richtung Bremen endlich einfährt. Was ist denn bloß los? Dann werde ich wohl mal am Schalter in der Bahnhofhalle nachfragen müssen!

 „Guten Morgen! Was ist denn bitte schön mit dem Zug nach Bremen um 8:30 Uhr? Kommt er noch?“, fragte ich genervt den Beamten am Schalter.

„Die Lokführer streiken!“

 „Streiken! Haben die nichts anderes zutun, als in der Hauptverkehrszeit zu streiken?“, schoss mir aus dem Mund, und bedankte mich für die knappe Antwort. Dann muss ich wohl oder übel auf der Arbeit anrufen und mich für heute abmelden. Wieder ein unnützer Urlaubstag geopfert. Gott sei Dank hatte ich gestern noch mein Handy aufgeladen, so brauche ich nicht zur Telefonzelle latschen - die doch besetzt ist - und bei diesem Mistwetter warten, dass sie frei wird.

0421 30053 Hallo Karla, Melitta hier. …hast schon mitbekommen, dass ich heute noch nicht zur Arbeit erschienen bin? …ich sitze hier immer noch auf dem Bahnhof fest. …nein heute wohl nicht mehr. Die Lokführer streiken. …ja morgen bin ich wieder da, zur Not mit dem Fahrrad…als Arbeitstag zählen? Danke das ist nett, ich werde es dir nicht vergessen. Tschüss bis morgen.

Jetzt aber schnell zum Auto und nach Hause. Auf dem Bahnhofsvorplatz schlug mir wieder dieser eisige Wind entgegen, und der Regen goss in Sturzbächen vom Himmel. Schnell zog ich meinen Mantelkragen hoch und spannte meinen Schirm auf.Tatsächlich, die Telefonzelle ist besetzt. Hat wohl jemand Schutz vor dem Regen gesucht!

Nein, ist das nicht Helga? Jetzt musste ich erst mal näher rangehen, vielleicht soll ich sie ein Stück im Auto mitnehmen? Ja, es war tatsächlich Helga, soweit ich es durch die beschlagene Scheibe erkennen konnte, meine zukünftige Schwiegertochter. Gerade als ich an die Tür klopfen wollte, hörte ich es.

 „… ja, jeden Tag über 30 Grad …strahlend blau von morgens bis abends.“ 

 Von welchem Wetter redet sie denn? Bestimmt nicht von diesem Unwetter hier! Ich denke sie ist seit einer Woche verreist. Mit ihren Eltern nach Lanzarote? Wen will Helga da einen Bären aufbinden? Das höre ich mir mal genauer an, und ich stellte mich mit meinem Regenschirm schräg hinter die Telefonzelle. Hoffentlich hat sie mich noch nicht entdeckt?

 „… jede Menge Palmen, Dattelpalmen nehme ich an… Braun? … etwas angebräunt. Aber die Sache mit Ala und dem Hai, das war unglaublich… Schatzi, das habe ich dir doch geschrieben … Wie nicht angekommen? …muss aber noch kommen.“

Schatzi? Bei mir fingen die Alarmglocken zubimmeln an. So nennt Helga doch immer Sven! Meine Ohren wurden immer spitzer. Das darf doch nicht wahr sein!

„… traumhafte Bootsfahrt bei Vollmond … ja mit meinen Eltern… Ich muss Schluss machen, es steht jemand vor der Kabine … Ich dich auch… Küsschen, Küsschen. Tschüss!“

Oh Gott, sie hat aufgelegt, schnell abhauen, aber wohin. Den Regenschirm tiefer ins Gesicht ziehen und einfach hier hinter warten und hoffen, dass sie mich nicht entdeckt.

So, das wäre geschafft, Helga war schnell Richtung Bushaltestelle gelaufen, und in den nächsten Bus gestiegen. Puh, sie hatte mich nicht entdeckt. Jetzt aber auch schnellstens nach Hause, erstmal einen klaren Kopf bekommen. Den ganzen Rückweg musste ich über diese Wortfetzen nachdenken. Hatte sie tatsächlich mit Sven gesprochen, oder eventuell nur jemand anderen veräppelt? Aber sie wollte doch mit ihren Eltern in den Urlaub fliegen? Oder sind sie wieder zurück?

„Mutter? Bist du es? Was machst du denn schon hier?“ kam ihr Sven entgegen. „Bahn streikt, erzähle ich dir später“, entgegnete ich, meine Gedanken waren immer noch bei dem Telefongespräch.

„Helga hatte angerufen, das Wetter ist toll, sie vermisst mich, und…

“Ja ich weiß, jeden Tag über 30 Grad und jede Menge Palmen”, erwiderte ich. “Wann ruft sie denn wieder an?“

„Übermorgen.“

„Dann bestelle ihr schöne Grüße, und hier ist das Wetter saumäßig, wie vorgestern auf dem Bahnhofsvorplatz auch“, und ließ Sven mit verdutztem Gesicht stehen, denn ich hatte das Gefühl, jemand würde mir den Boden unter den Füßen wegziehen.   

Diese Schlange, diese Scheinheilige. Aber Helga würde ja irgendwann aus ihrem angeblichen Urlaub zurückkommen! 

Geschichten10 Sep 2007 01:01 pm

  Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen Schlusslichter rasch kleiner wurden.Die Konturen verschwammen vor seinen Augen und er fand sich in der Stille der Nacht wieder.Die Gedanken kreisten in seinem Kopf – Gedanken, die ihn in den letzten 5 Monaten nicht zur Ruhe kommen ließen.Er drückte die Zigarette aus und schloss die Augen. 

Da ging sie mit ihm. Sie gingen ohne sich nochmals umzudrehen und stiegen in den Nachtzug. Nur ein flüchtiges Tschüß, ein letztes Winken und einen Brief hinterließ sie ihm. 

Die feuchte Kälte der Nacht kroch langsam seine Beine hinauf – aber er fühlte nur einen dumpfen Schmerz und eine Leere.Übermüdet ließ er sich auf eine Bank nieder. „Sie ist weg, weg mit ihm“, hämmerte es sich in seinem Kopf ein, „ich habe ihn verloren.“Traurig schloss er wieder die Augen. 

Klara und er hatten doch eine gute Ehe geführt! Zumindest hatte er es 6 Jahre lang gedacht!Bis zu dem Tag, als er von der Arbeit nach Hause kam. Schon beim Betreten der Wohnung kam ihm die Stille unheimlich vor. Sein Sohn kam ihm nicht entgegen gestürmt, auch Klara war nirgends zu sehen. Das Einzige was er vorfand, war ein kleiner Zettel, auf dem stand: ‚Ich bin mit Sebastian weg. Du wirst von mir hören.’Keine Adresse, wo er sie erreichen könnte, keine Telefonnummer.Das nächste Lebenszeichen, zwei Wochen später, war ein  Anruf von ihr.Sie hatte die Scheidung eingereicht und das alleinige Sorgerecht für Sebastian beantragt. Er würde in Kürze die Scheidungspapiere zugeschickt bekommen.Warum? Er konnte es nicht begreifen. Sie hatte einen anderen Mann kennen gelernt, einen Army-Soldaten aus Garlstedt. Sein Name: Teddy Craig. Sobald die Scheidung durch war, wollte sie ihn heiraten. 

„Nein!“ Aufgeschreckt von seinem eigenen Schrei, riss er die Augen auf. Die Realität hatte ihn eingeholt. Ein eisiger Wind pfiff über den Bahnsteig, er fing zu frieren an. „Warum habe ich ohne zu kämpfen aufgegeben?“, schoss es Andreas durch den Kopf. „Ich hätte kämpfen müssen, zumindest um das Sorgerecht.“  Sebastian war doch noch so klein. Letzten Monat war er fünf Jahre geworden, und er durfte nicht dabei sein, der Neue wollte es nicht. Nächstes Jahr würde Sebastian in die Schule kommen, und…,und er würde auch diesmal nicht dabei sein können. Er würde seinen Sohn nie wieder sehen. Er hatte sich von Klara über den Tisch ziehen lassen. Ohne Probleme hatte sie das Sorgerecht für Sebastian bekommen, und er…, er hatte nichts dagegen getan. Auch als sie ihm gleich nach dem Gerichtsurteil mitteilte, dass sie mit ihrem Neuen und Sebastian in die USA auswandern würde, war er untätig geblieben. Jetzt war es zu spät. Sie waren heute Nacht mit dem letzten Zug nach Frankfurt gefahren, um von dort in die USA zu fliegen. Kein richtiger Abschied von seinem Sohn. Keine Umarmung! Er war wie gelähmt gewesen. Nur ein Tschüß, ein letztes Winken und der Zug hatte sich in Bewegung gesetzt und ihm Sebastian genommen. 

 Von einem durchfahrenden Güterzug wurde Andreas aus seiner Lethargie gerissen. Er starrte auf den Brief. Den Brief, den Klara ihm zum Abschied gegeben hatte, und den er noch immer in der Hand hielt.Mit zittrigen Finger riss er den Umschlag auf und las den Inhalt.  

Lieber Andreas,ich weiß, ich habe Dich sehr verletzt. Bitte verzeihe mir.Hier unsere Adresse falls Du schreiben möchtest.Teddy Craig  267
Curtis Tignor Rd  Newport News Virginia 23608 USA Telefon: 0018041098675  
Du kannst Sebastian  jederzeit anrufen, schreiben und uns besuchen. Sebastian wird sich freuen. Erwarte Dich nächsten Sommer zur Einschulung. Ich freue mich. Ticket liegt bei. Liebe Grüße Klara.P.S. Teddy ist damit einverstanden.  

Lächelnd machte Andreas einen Luftsprung.„Ich habe meinen Sohn doch nicht verloren“, rief er übermütig, “ich sehe ihn im Sommer wieder“, und er rannte voller Glück Richtung Ausgang. 

Geschichten and Übungen31 Mai 2007 06:38 pm

Nervös trommelte Franzi mit den Fingern während das Freizeichen zu hören war. Endlich meldete sich Constanze, und Franzi ließ ihre Freundin erst gar nicht richtig zu Wort kommen.

„Ich darf mit!“ posaunte sie gleich ins Telefon.

„Wohin darfst du mit?“, erwiderte Constanze etwas irritiert.

„Mit auf dem Jungfernflug nach Washington.“

„Warte, ich muss den Hörer zur Seite packen, denn ich habe noch mein Badewasser laufen.“

„Muss sie jetzt Baden wollen, wenn ich ihr etwas Wichtiges zu erzählen habe“, dachte Franzi, aber da war ihre Freundin schon wieder am anderen Ende der Leitung.

„Nun noch mal! Aber bitte in Ruhe. Auf welchen Jungfernflug darfst du mit?“, fragte Constanze immer noch leicht irritiert.

„Der neue Riesenjet macht seinen Erprobungsflug und…“

„Welcher Riesenjet? Und eben hast du noch Jungfernflug gesagt.“

„Nun lass mich doch ausreden“, antwortete Franzi leicht gereizt.  „Also, der neue Riesenjet, der A380 macht seinen Jungfernflug oder besser gesagt seinen Erprobungsflug nach Washington, und ich bin eine von den Auserwählten, die… ich darf mit fliegen“, Franzis Stimme überschlug sich fast und sie machte vor Freude einen Luftsprung.

„Wie bist du da denn rangekommen? Die haben sich bestimmt nicht bei dir gemeldet und gefragt, hey Franzi möchtest du mit uns nach Washington fliegen?“ fragte Constanze ironisch.

„Nein natürlich nicht.“

„Nun sag schon, wie bist du daran gekommen?“, jetzt wurde Constanze doch ziemlich neugierig.

„Kennst du noch Peter?“

„Peter? Wer ist oder war Peter?“

„Mensch Constanze! Kennst du nicht mehr Peter? Mein Ex“, erklärte sie Constanze, und verdrehte dabei ihr Augen.

„Ach sooo, den meinst du! Bei deinen vielen Männerbekanntschaften weiß man ja nie!“„Nun höre aber auf, als wenn ich so viele Männer in meinem Leben gehabt hätte.“ Franzi konnte ihre aufsteigende Wut kaum verbergen.“ Muss sie immer so blöd sein?“, dachte sie.„Also Peter dein Ex und was hat er damit zutun? Fliegt er den Flieger?“„Nein, natürlich nicht, aber er arbeitet bei der Lufthansa.“„Als was denn? Als Botenjunge?“, und Constanze konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

„Hahaha noch so ein Witz und ich erzähle dir gar nichts mehr! Nein nicht als Botenjunge. Er ist dort bei der Presseabteilung angestellt. Nun ja und er hatte mir damals, als wir noch zusammen waren, erzählt, dass die Lufthansa 10 Leuten, die nichts mit dem Flieger zu tun haben, den Testflug durch ein Losverfahren ermöglichen wollen. Man brauchte sich nur bewerben.“

„Bewerben? Wie denn mit Lebenslauf und Zeugnissen?“, lachte Constanze laut los.

„Du bist doof! Natürlich nicht mit Lebenslauf und Zeugnisse.Man sollte nur den Grund schreiben, warum man mitfliegen möchte. Und dieses habe ich getan“, antwortete Franzi immer noch gereizt.

„Welchen Grund hast du denn geschrieben? Ich möchte mitfliegen, weil es so toll ist?“, lachte Constanze immer noch.

„Nein natürlich nicht, ich weiß aber schon gar nicht mehr, was ich geschrieben habe. Es ist schon ein halbes Jahr her, dass man sich bewerben sollte“, antwortete Franzi und stimmte in das Lachen ihrer Freundin ein. Ihre Wut und Gereiztheit hatte sich wieder gelegt. „Ist ja nun auch egal, denn ich bin jetzt dabei. Ich fliege mit 490 Gästen, die sich aus Mitarbeitern von Airbus und Lufthansa zusammensetzen, sowie den 25 Besatzungsmitgliedern und einigen Journalisten mit“, erwiderte Franzi.

„Und dein Exfreund Peter? Fliegt der auch mit?“, fragte sie mit einem ironischen Unterton.

„Um Gotteswillen!“ rief Franzi, „ich hoffe nicht!“ Plötzlich fing ihr Herz kräftig zu schlagen an.

„Und wann geht es los?“ Constanze hatte Mühe sich ihren Neid nicht anmerken zu lassen. „Da würde ich auch gerne mitfliegen.“

„So was kannst du dir doch leisten, bei deiner Erbschaft, oder? Wir starten am Donnerstag den 29.03.07 um 10.00 Uhr von Frankfurt aus.“

„Das ist ja schon in drei Tagen!“, brüllte sie ins Telefon

„Ja ich weiß, habe deshalb noch viel zu erledigen. Ich wollte es dir nur schnell erzählen.“

„Na dann wünsche ich dir viel Spaß?“ bemerkte Constanze etwas säuerlich, „bis demnächst und komme heil runter.“

„Danke, ich hoffe doch, bis bald, ich melde mich, wenn ich wieder zu Hause bin“, erwiderte Franzi und legte den Hörer auf.  

Geschichten03 Apr 2007 01:45 pm

Ich stand am offenen Fenster meiner Augsburger Wohnung und schaute ein letztes Mal hinaus, bevor die Haustür für immer hinter mir ins Schloss fallen würde. Von hier aus hatte ich einen fantastischen Blick auf den Rathausplatz. Am strahlendblauen Himmel zogen kleine weiße Schäfchenwolken entlang, und ein leichter Wind trug den Duft von Brezeln, Bratwurst und kandierten Mandeln herüber. Nur zu gerne saß ich dort in den Straßencafes mit ihren kleinen Bistrozischen, die mit blauen Decken überzogen waren, den Stühlen mit ihren leuchtend gelben Sitzkissen und den gelb-blauen Sonnenschirmen, die vor der grellen Sonne schützen sollten. Von dort konnte man wunderbar die Hektik aber auch die Ruhe der Menschen beobachten. Junge Leute, die in Eile vorbei hetzten, ohne auf ihre Umgebung zu achten, und die ältere Generation, die langsam über den Platz schlenderte. Manche von ihnen machten Halt, um mit jemanden zu plaudern oder um Pause auf den dunkelbraunen Holzbänken mit ihren schwarzen, gusseisernen Füßen und Lehnen zu machen. Aus der Ferne nahm ich den hellen Glockenklang von der Uhr des Perlachturmes wahr, der mit seine 78 m Höhe und der schneeweißen Fassade auffallend hervorsticht. Rechts daneben steht das im Renaissancestil erbaute Rathaus mit seinen auf beiden Seiten sichtbaren Zwiebeltürmen und seiner weißen Vorderseite. Eindrucksvoll anzuschauen war auch die Marktecke mit ihren großen, bunten Schirmen und der gewaltigen Geräuschkulisse. Gerne ging ich hier meine Besorgungrn machen und beobachtete dabei die Händler, die laut schreiend ihre Waren anboten, oder mit einzelnen Kunden um die Preise feilschten. Trotz der mächtigen Unruhe konnte man das laute Zwitschern und Pfeifen der Vögel hören, die auf den Bäumen saßen.