August 2008


Geschichten07 Aug 2008 01:17 pm

 Melanie Jäger ließ das Wasser in die Wanne laufen, noch drei Stunden und sie würde ihn wieder sehen, als plötzlich ein Anruf kam.

„Frau Hauptkommissarin, Richter hier“, seine näselnde Stimme verlieh allem einen ironischen Unterton. „Ich hoffe ich störe nicht, aber wir müssen uns um eine Leiche am Geesteufer kümmern, gleich hinter der Müllverbrennungs-anlage. Es ist ein Jogger! Sie sollten es sich ansehen, er ist am ganzen Körper mit einem Ausschlag und Quaddeln übersät, aber weit und breit sind keine Sträucher zu entdecken, die so etwas hervor rufen könnten.“

„Ich komme“, knurrte sie in den Hörer und legte auf. 

 „Da sind sie ja endlich“, wurde Melanie gleich von Richter begrüßt, „die Leiche liegt dort hinten. Wir haben auch einen Zeugen, seinen Kumpel Claus Otto.“ „Alles der Reihe nach, erstmal will ich mir die Leiche und die Umgebung ansehen“, ließ sie Richter stehen und ging zum Fundort der Leiche. Auf dem Weg dahin schaute sie achtsam in die Gegend. Tatsächlich, keine Sträucher, noch nicht mal Brennnesseln waren zu entdecken. Mit Wucht riss sie die Decke vom leblosen Körper und taumelte gleich ein paar Schritte nach hinten. Das war doch Robert! Robert Niemeyer! Was war passiert?

„Richter! Wo ist der Zeuge?“ versuchte sie ruhig zu fragen.

„In meinem Auto.“ Viel war aus ihm nicht raus zu bekommen, außer dass sein Kumpel plötzlich Sprachstörungen und völlig orientierungslos war, und diesen entsetzlichen Hautausschlag mit Quaddeln bekam. Er nahm noch einen letzten Schluck aus seiner Trinkflasche, kippte um und war tot.

“Veranlassen sie bitte, dass der Tote in die Gerichtsmedizingebracht wird. Und lassen sie den Inhalt der Trinkflasche untersuchen, ich möchte Ergebnisse haben, denn hier stimmt was nicht. Ich fahre zu seiner Witwe“, murmelte sie in die Richtung von Richter und fuhr los. Nach dem Gespräch mit Elli Niemeyer fuhr Melanie sofort ins Kommissariat, um Ergebnisse zu erfahren. Ihr Gefühl sagte ihr, dass Elli etwas zu verbergen hatte. Ihre Reaktion war zu kalt, ohne Trauer. „Richter sind die Ergebnisse von dem Gerichtsmediziner schon da?“ fragte sie gleich beim Betreten des Büros.

„Ja, im Saft wurden Spuren von Glibenclamid, einem blutzuckersenkenden Medikament, und Bisoprolol, einem Beta Blocker, gefunden. Die beiden Medikamente in Kombination können …… Kurz und knapp, der Blutzucker von dem armen Kerl war total im Keller und seine Pumpe spielte zu dem dann noch ziemlich verrückt“, erwiderte er mit seiner näselnden Stimme, die Melanie so hasste.

„Dann werde ich mir die Witwe nochmals vornehmen und versuchen etwas mehr in Erfahrung zu bringen. Sie hat etwas zu verbergen, und ich werde rausbekommen was!“

Sie war schon fast aus dem Büro, als Richter hinter ihr herrief: “Ach Chefin, der Zeuge hatte sich nochmal gemeldet. Kurz bevor die Beiden mit dem Joggen anfingen, trafen sie noch die Exfrau des Verstorbenen.“

„Und?“

 Nun ja, er könnte schwören, dass sie die Trinkflasche in der Hand hatte, bevor sie mit dem Laufen anfingen. Hier ist ihre Adresse.“

„Dann werde ich mir die Dame auch mal vornehmen müssen, aber erstmal ist die Witwe nochmal dran.“  Diesmal machte die zwölfjährige Tochter der Witwe die Tür auf, und führte sie in die Küche zu ihrer Mutter. Elli war gerade dabei etwas auf dem Küchenschrank schnell mit einem Tuch zu zudecken, etwas zu schnell für Melanies Empfinden. Ihr kam es so vor, als wären es Tablettenschachteln gewesen.„War ihr Mann Diabetiker und Herzkrank, oder wüssten sie, wer ihm den Tot wünschen könnte?“, kam sie ohne Umschweife zum Thema, und ließ ihren Blick Richtung Küchenschrank schweifen.

„Nein, er war nicht krank. Aber seiner Ex Margrit, der würde ich es zutrauen, ihn um zubringen. Sie ist Krankenschwester und kommt an Medikamente ran“, kam ohne langes Zögern von ihr. „Ich fand schon häufiger in seinem Notizbuch einen Eintrag mit dem Vermerk: Treffen mit M.Vielleicht wollte sie wieder etwas von Robert, er aber nicht von ihr. Ich traue es ihr zu Robert umzubringen, weil er nichts wieder mit ihr anfangen wollte“, plauderte sie darauf los. „Ich würde es tun!“

Medikamente? Davon hatte ich doch noch gar nichts gesagt. Umbringen würde sie ihn, schoss es Melanie in den Kopf. Hier stimmt etwas nicht. Wollte Elli als sie kam gerade die Tabletten verschwinden lassen? Melanie musste unter das Tuch schauen können, und deshalb bat sie sie das Notizbuch zuholen.

„Sie war von Anfang an eifersüchtig auf mich“, warf Elli erklärend in den Raum und verließ die Küche.Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, schaute Melanie eilig unter das Tuch und traute ihren Augen nicht. Dort lagen sie, die Medikamente.  

Melanie hatte die Tabletten offen auf den Küchentisch gelegt als Elli wieder in die Küche kam, um das Notizbuch zuzeigen. Beim Anblick der Beweise zögerte sie kurz, verzog dabei aber keine Miene.

„Das war die Idee von Claus. Claus meinte, bevor Robert wieder mit Margrit anbändelt, sollte er sterben und wir könnten seine Lebensversicherung kassieren. Es war abgemacht, dass er mit Robert zusammen joggt, und darauf achtet, dass er die Flasche auch wirklich leertrinkt.“

„Die Flasche mit dem Tablettengebräu, den sie angerührt hatten“, unterbrach Melanie Elli barsch.„Und dafür war das Joggen natürlich gut geeignet, oder? Einige viele Tabletten in das Getränk, und schon ist es passiert. Und zum Schluss uns auf die Fährte von seiner Ex schicken?“

„Wem gehörten die Tabletten?“ die Schärfe in Melanies Stimme war nicht zu überhören.

„Meiner Mutter. Claus ist Krankenpfleger, er wusste wie das Zeug wirkt.“ In ihrer Stimme war keine Reue zu hören, eher Zynismus.

„Frau Niemeyer, sie sind verhaftete, ich muss sie mit auf das Kommissariat nehmen.“ „Ach, und bevor ich es vergesse, der Eintrag M sollte nicht Margrit, sondern Melanie heißen. Ich war die Person, mit der sich ihr Mann treffen wollte.“ Sie sagte es ohne Ironie, eher mit Trauer in der Stimme.

Geschichten07 Aug 2008 01:11 pm

„17:30 Uhr, pünktlich wie immer, Herr Feddersen“, sagte der Pförtner in der Eingangshalle.

„Stimmt genau“, antwortete Feddersen und verließ mit einem freundlichen „Auf Wiedersehen“ die Halle, um an der Bushaltestelle auf seinen Bus zu warten.  Heiner Feddersen liebte sein Leben als Buchhalter, geordnet und streng eingeteilt. Jeden Morgen stand er pünktlich um 6:00 Uhr auf, verließ um 7:00 Uhr das Haus, um Punkt 8:00 Uhr mit der Arbeit zu beginnen. Pünktlich um 12:00 Uhr machte er für 30 Minuten Mittag, keine Minute länger, um dann bis 17:30 Uhr sauber und akkurat seine Akten weiter zu bearbeiten. Auch heute hatte sich nichts daran geändert, und es gab keine Anzeichen, dass sich etwas ändern würde.Er würde die üblichen drei Minuten auf seinen Bus warten und auf den gleichen Platz wie jeden Abend sitzen, seine Zeitung lesen, bis seine Haltestelle kommt, wo er aussteigen musste, um den gewohnten Weg bis zu seinem Haus, in der Lindenstraße 22, zu gehen. Alles würde so ablaufen wie jeden anderen Tag auch. Exakt drei Minuten später kam auch schon der Bus der Linie 60, und Feddersen stieg gut gelaunt, mit der Zeitung unter dem Arm, ein.

„Schöner Abend heute“, sagte er beim Einsteigen zu Herrn Otremba, dem Busfahrer. Sie kannten sich schon lange und wechselten immer ein paar belanglose Worte, bevor Feddersen sich links im Bus auf den ersten Platz in der zweiten Reihe setzte.

„Soll heute aber noch regnen“, gab Otremba zurück.

„Wir hatten in der letzten Zeit genug Regen, und wenn, dann bitte erst, wenn ich zuhause angekommen bin“, erwiderte Feddersen freundlich nickend, und steuerte die Richtung zu seinem gewohnten Platz an.

„Da haben Sie Recht“, kam noch von Herrn Otremba, aber Feddersen nahm es nicht mehr wahr, denn er blieb wie angewurzelt mitten im Gang stehen.Verdutzt schaute er sich um.Das war doch der erste Platz in der zweiten Reihe auf der linken Seite des Busses. Immer war der Platz frei, aber diesmal saß dort jemand.Wo sollte er sich jetzt hinsetzen? Er konnte sich nicht woanders hinsetzen, hier saß er doch jeden Abend. Das ist mein Platz, diese Person muss sich woanders hinsetzen, dachte er voller Panik.Mutig tippte er ihr auf die Schulter.

„Entschuldigen Sie bitte, hier sitze ich immer und lese nach Feierabend meine Zeitung. Würden sie bitte rutschen und sich auf den anderen Platz setzen?“ bat er höflich.

„Wie komme ich denn dazu“, giftete ihm eine dicke und nach Schweiß riechende Frau entgegen. „Sie können ja durchrutschen, ich werde es nicht tun und hier sitzen bleiben.“

„Ich bitte Sie höflichst einen Sitz weiterzurücken“, erwiderte Feddersen mit einer für ihn ungewohnten Schärfe in seiner Stimme. „Sonst bleibe ich hier stehen!“

„Tun Sie, was sie nicht lassen können, aber im Stehen lässt sich die Zeitung schlecht lesen“, konterte die Frau schnippisch und beachtete ihn nicht weiter.  Feddersen wusste im ersten Augenblick nicht was er machen sollte. Die Strecke bis zu seiner Haltestelle, wo er aussteigen musste, wurde immer kürzer. Zuhause hatte er keine Zeit seine Zeitung zu lesen, da musste er sich sein Abendbrot machen, den Abwasch erledigen, aufräumen und wie jeden Abend fernsehen, um dann pünktlich um 23:00 Uhr ins Bett zu gehen.

„Würden sie mich dann bitte durchlassen?“ bat er höflich mit zittriger Stimme.

„Ist ja schon gut, ich rutsche durch.“

Erleichtert setzte sich Feddersen hin. „Jetzt hat alles wieder seinen gewohnten Gang“, murmelte er leise vor sich hin und vertiefte sich ins Lesen. Plötzlich bekam er mit, dass der Bus an seiner Haltestelle vorbeifuhr. Entsetzt rief er: “Stop!“  Mit quietschenden Reifen hielt Otrembra den Bus an und Feddersen rannte verzweifelt und voller Hektik aus dem Bus, denn zum ersten Mal seit 15 Jahren war ihm so etwas wie heute passiert.