Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen Schlusslichter rasch kleiner wurden.Die Konturen verschwammen vor seinen Augen und er fand sich in der Stille der Nacht wieder.Die Gedanken kreisten in seinem Kopf – Gedanken, die ihn in den letzten 5 Monaten nicht zur Ruhe kommen ließen.Er drückte die Zigarette aus und schloss die Augen.
Da ging sie mit ihm. Sie gingen ohne sich nochmals umzudrehen und stiegen in den Nachtzug. Nur ein flüchtiges Tschüß, ein letztes Winken und einen Brief hinterließ sie ihm.
Die feuchte Kälte der Nacht kroch langsam seine Beine hinauf – aber er fühlte nur einen dumpfen Schmerz und eine Leere.Übermüdet ließ er sich auf eine Bank nieder. „Sie ist weg, weg mit ihm“, hämmerte es sich in seinem Kopf ein, „ich habe ihn verloren.“Traurig schloss er wieder die Augen.
Klara und er hatten doch eine gute Ehe geführt! Zumindest hatte er es 6 Jahre lang gedacht!Bis zu dem Tag, als er von der Arbeit nach Hause kam. Schon beim Betreten der Wohnung kam ihm die Stille unheimlich vor. Sein Sohn kam ihm nicht entgegen gestürmt, auch Klara war nirgends zu sehen. Das Einzige was er vorfand, war ein kleiner Zettel, auf dem stand: ‚Ich bin mit Sebastian weg. Du wirst von mir hören.’Keine Adresse, wo er sie erreichen könnte, keine Telefonnummer.Das nächste Lebenszeichen, zwei Wochen später, war ein Anruf von ihr.Sie hatte die Scheidung eingereicht und das alleinige Sorgerecht für Sebastian beantragt. Er würde in Kürze die Scheidungspapiere zugeschickt bekommen.Warum? Er konnte es nicht begreifen. Sie hatte einen anderen Mann kennen gelernt, einen Army-Soldaten aus Garlstedt. Sein Name: Teddy Craig. Sobald die Scheidung durch war, wollte sie ihn heiraten.
„Nein!“ Aufgeschreckt von seinem eigenen Schrei, riss er die Augen auf. Die Realität hatte ihn eingeholt. Ein eisiger Wind pfiff über den Bahnsteig, er fing zu frieren an. „Warum habe ich ohne zu kämpfen aufgegeben?“, schoss es Andreas durch den Kopf. „Ich hätte kämpfen müssen, zumindest um das Sorgerecht.“ Sebastian war doch noch so klein. Letzten Monat war er fünf Jahre geworden, und er durfte nicht dabei sein, der Neue wollte es nicht. Nächstes Jahr würde Sebastian in die Schule kommen, und…,und er würde auch diesmal nicht dabei sein können. Er würde seinen Sohn nie wieder sehen. Er hatte sich von Klara über den Tisch ziehen lassen. Ohne Probleme hatte sie das Sorgerecht für Sebastian bekommen, und er…, er hatte nichts dagegen getan. Auch als sie ihm gleich nach dem Gerichtsurteil mitteilte, dass sie mit ihrem Neuen und Sebastian in die USA auswandern würde, war er untätig geblieben. Jetzt war es zu spät. Sie waren heute Nacht mit dem letzten Zug nach Frankfurt gefahren, um von dort in die USA zu fliegen. Kein richtiger Abschied von seinem Sohn. Keine Umarmung! Er war wie gelähmt gewesen. Nur ein Tschüß, ein letztes Winken und der Zug hatte sich in Bewegung gesetzt und ihm Sebastian genommen.
Von einem durchfahrenden Güterzug wurde Andreas aus seiner Lethargie gerissen. Er starrte auf den Brief. Den Brief, den Klara ihm zum Abschied gegeben hatte, und den er noch immer in der Hand hielt.Mit zittrigen Finger riss er den Umschlag auf und las den Inhalt.
Lieber Andreas,ich weiß, ich habe Dich sehr verletzt. Bitte verzeihe mir.Hier unsere Adresse falls Du schreiben möchtest.Teddy Craig 267
Curtis Tignor Rd
Lächelnd machte Andreas einen Luftsprung.„Ich habe meinen Sohn doch nicht verloren“, rief er übermütig, “ich sehe ihn im Sommer wieder“, und er rannte voller Glück Richtung Ausgang.