Es gibt Tage, die fangen schrecklich an und heute war so ein Tag. Celine konnte nicht zur Schule, sie hatte seit drei Tagen eine eitrige  Mittelohrentzündung mit heftigen Schmerzen und vom Arzt Ruhe verordnet bekommen. Dann eröffnete ihre Mutter ihr auch noch, dass sie mit zu Frau Tippelmann müsste, denn alleine zu Hause zu bleiben, dafür wäre Celine mit ihren sieben Jahre noch zu klein. Frau Tippelmann war eine Frau Ende Achtzig und ihre Mutter kannte sie seit mehreren Jahren. Seitdem sich das Allgemeinbefinden von ihr immer mehr verschlechterte und sie nicht mehr in der Lage war allein zu baden, fuhr ihre Mutter jeden Dienstag zu ihr und badete sie. Heute war es wieder soweit. Bei Frau Tippelmann war immer still sitzen angesagt, es durfte nichts angefasst werden und Celine musste essen und trinken was ihr vorgesetzt wurde, auch wenn sie es nicht mochte oder keinen Hunger und Durst hatte. Am liebsten wäre Celine zu Hause geblieben oder doch zur Schule gegangen, dort könnte sie mit ihren Schulfreunden und ihrem Freund Pascal in der Pause herumtoben.
So blieb ihr nichts anderes übrig, als murrend und maulend mit zufahren.
Noch im Auto appellierte ihre Mutter an sie: „Sei bitte nicht so wild, fasse nichts an, du kannst während des Badens den Kinderkanal im Fernsehen gucken.“
Vor der Wohnungstür erwähnte ihre Mutter noch beim Aufschließen: “Du weißt, erst bade ich Frau Tippelmann, dann helfe ich ihr beim Anziehen und dann wird zusammen ge-frühstückt. Sei bitte lieb!“
Beim Betreten der Wohnung kam ihnen sofort Frau Tippelmann entgegen mit den Worten: „Da sind Sie ja schon und haben Ihre Tochter mitgebracht, ach wie schön.“
Da sah Celine in der Küche, auf dem Tisch, die große Schale mit Äpfeln, einige waren schon ziemlich runzelig, einige noch glatt und frisch. So einen glatten Apfel hätte ich jetzt gern, dachte sie sich und überlegte, ob sie einen Apfel nehmen sollte. Aber einfach einen nehmen, das traute sie sich nun doch nicht und fragte deshalb Frau Tippelmann, „Dürfte ich bitte einen Apfel nehmen?“ Diese erwiderte nur: „Wenn deine Mutter und ich mit dem Baden fertig sind, und wir gefrühstückt haben, dann kannst du einen von diesen Äpfeln bekommen“, und zeigte auf einige der verschrumpelten Exemplare. Aber einen alten mit Falten bedeckten wollte sie nicht und nach einem schönen, glatten Apfel mochte sie nicht fragen.
Endlich verschwanden ihre Mutter und Frau Tippelmann ins Badezimmer und sie setzte sich in die Stube, um ihren Kinderkanal anzuschauen.
Nach einer Stunde, Celine erschien die Zeit wie eine Ewigkeit und die Lust am Fernsehen war auch vorbei, ging sie ins Badezimmer und fragte:“ Wann seid ihr fertig, mir ist so langweilig. Wann können wir endlich essen? Ich habe Hunger.“ „Jetzt sofort, ich muss noch den Tisch decken. Komme bitte mit in die Küche, du kannst mir helfen“, erwiderte ihre Mutter und marschierte mit Celine raus.
Dort stand nun die Schale mit Äpfeln auf dem Tisch, an die Celine gar nicht mehr gedacht hatte.
Und eben diese Schale sollte sie im Auftrag ihrer Mutter in das Wohnzimmer bringen, um sie dort auf den Tisch zu stellen. Ohne lange zu überlegen, nahm sie einen schönen, runden Apfel, steckte ihn schnell in ihre Jackentasche und ging zurück in die Küche, wo ihre Mutter und Frau Tippelmann auf sie warteten, um mit dem Frühstück anzufangen.
Plötzlich beschlich sie ein schlechtes Gewissen und deshalb aß sie sogar das Brot, mit der schmierigen, schon älteren Wurst, welches Frau Tippelmann ihr geschmiert hatte.
Nachdem sie fertig gegessen hatten, räumte ihre Mutter den Tisch ab, sie verabschiedeten sich und traten den Heimweg an.
Im Auto nahm Celine den Apfel aus ihrer Jackentasche, freute sich über diesen schönen runden Apfel und biss mit vollem Genuss hinein. Plötzlich entdeckte sie, dass ihre Mutter sie im Rückspiegel beobachtete.
 „Habe ich es mir doch gedacht, dass du dir einen genommen hast“, sagte sie mit einer Stimme, wo die Schärfe nicht zu überhören war. Celine wollte etwas erwidern, aber ihre Mutter sprach ohne Luft zu holen weiter. „Ich weiß, dass Frau Tippelmann nicht immer einfach ist, und du lieber einen schönen, glatten, als einen verschrumpelten Apfel haben wolltest Ich verstehe dich ganz gut, aber heimlich einen Apfel mit zunehmen ist nicht korrekt. Du hättest nochmals nachfragen können.“ Als ihre Mutter sah, wie bei Celine die  Tränen kamen und die ersten runterrollten, erwiderte sie mit sanfterer Stimme: „Nun weine nicht, aber tue so was bitte nicht noch mal!“, und konnte sich auf einmal ein Schmunzeln nicht verkneifen, worauf auch Celine mitlachen musste und sich die Tränen abtrocknete.