„Viktor ich fahre jetzt!“ rief Verena lautstark die Treppe hinauf, die zum ausgebauten Dachboden führte. Dort hatte Viktor sich ein Herrenzimmer mit Couch, Tisch, einem Flachbildfernseher und einer Playstation eingerichtet. Anstelle einer Antwort kam von oben nur ein Geballer und Gedröhne.
„Jede freie Minute verbringt er oben und spielt“, zischte sie wütend „dafür hat er Geld!“ und stapfte die dunkle, offene Treppe hinauf, riss eine auf der Treppe stehende Vase um, die polternd durch die Stufen nach unten fiel und zerbrach.Mit voller Wucht öffnete sie die Tür.
Völlig vertieft in sein Spiel bemerkte er nicht, dass sie in der Tür stand. Wie in Trance drückte er den Controller und schaute gebannt auf den Bildschirm, wo sich mysteriöse und gruselige Gestalten einen Kampf lieferten.
„Ich fahre jetzt einkaufen, würdest du bitte auf Moritz aufpassen, er spielt unten in seinem Zimmer.“
Ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden, erwiderte er knapp:„Gebe nicht viel Geld aus, und gebe unserem Sohn nicht so viele Kekse. Du weißt doch, wie er damit rumkrümelt“, nahm seine Cola vor ihm vom Tisch und beachtete sie nicht weiter.
„Die Krümel kann man aufsaugen! Soll ich dir schon mal den Sauger hinstellen?“ kam schnippisch von Verena, „oder soll Moritz hier oben bei dir spielen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte sie die Treppe hinunter, knallte mit voller Wucht die Haustür hinter sich zu und stieg ins Auto.
„Seit er seine neue Playstation hat, sind Moritz und ich nur noch Luft für ihn“ schimpfte sie laut vor sich hin und fuhr los.
„Bei mir hier oben soll Moritz spielen, die spinnt doch. Soll er mir hier alles mit seinen Keksen voll krümeln“, presste Viktor zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.„Kann sie den Jungen nicht mitnehmen, dann hätte ich Ruhe und Zeit zum Spielen.“ Widerwillig drückte er sein Spiel auf Pause, legte den Controller zur Seite, und ging nach unten um nach seinem Sohn zu schauen.Auf halber Strecke hörte er aus Moritz Zimmer ein Brummen, ein Muh und Mäh.
Um ihn nicht zu stören, schaute er nur kurz durch die Zimmertür, und sah seinen Sohn mit seinem Bauernhof spielen.
„Dann kann ich ja auch weiter spielen!“ dachte er sich, da entdeckte Viktor die Krümel.„Hat sie ihm doch Kekse hingestellt! Jetzt muss ich auch noch saugen!“, stellte er grummelnd fest und holte den Staubsauger.
„Lass dich nicht stören, Moritz“, bemerkte er zu ihm, als dieser hoch schaute und ihn mit großen Augen ansah. „Papa saugt nur schnell die Krümel weg und ist gleich wieder verschwunden.“ Eilig und mit einer Wut im Bauch saugte er und verschwand gleich wieder nach oben. Hastig rannte er die Stufe nach oben, knallte die Tür hinter sich zu, nahm noch im Stehen den Controller in die Hand, um die Starttaste zu drücken, und schmiss sich auf das Sofa. „Jetzt lasse ich mich nicht mehr stören!“, dachte er sich und war sofort wieder im Spiel vertieft. Viktor wusste nicht, wie lange er schon gespielt hatte, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde, und er jäh aus seinem Spiel gerissen wurde. Verena war mit Moritz auf dem Arm ins Zimmer gestürmt.
„Kannst du nicht einmal auf unserem Sohn aufpassen? Er ist doch erst drei Jahre!“ brüllte sie ihn an.
Ruckartig schaute Viktor hoch und entdeckte, dass Moritz an der Hand und im Gesicht blutete. Ohne viel zu fragen packte er seinen Sohn und seine Frau ins Auto und fuhr mit ihnen ins Krankenhaus.Dort erfuhren sie nach der Behandlung, dass Moritz noch mal Glück gehabt hatte.
„Es werden keine Narben, vor allem nicht im Gesicht, zurückbleiben“, versicherte ihnen der Arzt, „aber das nächste Mal lassen sie ihren Sohn nicht mit Scherben spielen!“
Jetzt erst merkte Viktor, wie ihm die Knie zitterten, und er versprach Verena das nächste Mal besser auf Moritz aufzupassen, denn dieser heutige Tag war eine Lehre für ihn.